Berufsbild

Bis zum heutigen Tag existiert in der Bundesrepublik ein sehr unklares, nicht definiertes gesellschaftliches Bild des Berufs des Studienreiseleiters ( StRL). Bewundert und beneidet, aber auch häufig verkannt und nicht anerkannt zu werden, spiegeln das wider, was Reiz und Problematik im Leben eines StRL ausmachen.


„Studienreiseleiter“, wer oder was ist das überhaupt? 
Ein reisender Hochschulprofessor oder pensionierter Oberstudiendirektor, ein Weltenbummler oder Vagabund, ewiger Urlauber oder ein sozialer Aussteiger? 

Zu den Leistungsmerkmalen der heutigen Studien- und Bildungsreise gehört die „Qualifizierte Reiseleitung“. Sie ist integraler Bestandteil des Produktes, und der Kunde hat definitiv ein Anrecht auf Qualität und Leistung seiner Reiseleitung.
  Fähigkeiten, Qualifikationen und hohe soziale Kompetenz sind ausschlaggebend für eine erfolgreiche Reise und final zufriedene Kunden. Eine Reise steht und fällt daher mit dem Reiseleiter.

 Trotz der Betonung und Hervorhebung des geschulten, sozial eingestellten und fachlich qualifizierten Studienreiseleiters, der in der Regel zum „wichtigsten Baustein“ einer guten Reise avanciert, hat die StRL Tätigkeit bis heute keine staatliche Anerkennung. Die Berufsbezeichnung des StRL ist daher auch nicht geschützt. Frappierend und irritierend für Veranstalter und Kunden zugleich, dass sich jeder “Reiseleiter” nennen darf im Zeitalter von Qualitätssicherung und ISO/DIN Zertifikaten.



Die Studien- und Bildungsreisen von heute sind anspruchsvoller als noch vor
 wenigen Jahren. Der Kunde verlangt in der Regel nicht mehr nur eine perfekte organisatorische Leistung und profundes landeskundliches Wissen, so wie in der Vergangenheit. Er fordert auch freizeitpädagogische Kompetenz und eine urlaubsadäquate Wissens- und Erfahrungsvermittlung.

 Als Organisator, Betreuer, Retter, Landeskenner, Botschafter und Kulturvermittler fallen dem StRL die unterschiedlichsten Aufgaben und Kompetenzen zu. 
Bei heute sehr komplexen Gruppenstrukturen und einer immer stärker zu beobachtenden Individualisierung ein harmonisches und positives Gruppenerlebnis zu schaffen, ist daher wahrlich keine einfache Aufgabe.

 Zudem sind StRL das wichtigste Scharnier zwischen Veranstalter, Reiseteilnehmern und lokalen Partnern, den Gästeführern und Hotels in den Reiseländern. Bei Problemen sind sie der alleinige Ansprechpartner für alle Parteien und müssen mit sehr großem psychologischem Geschick vermitteln können.



StRL sind weiterhin „Botschafter Deutschlands im Ausland“. Von ihnen wird erwartet, den Kunden einerseits sensibel in die fremde Kultur einzuführen und besondere landestypische Erlebnisse zu vermitteln,
 andererseits sich aber auch rücksichts- und verständnisvoll gegenüber den Menschen des Gastlandes zu verhalten.

 All diesen Erwartungen muss der moderne  StRL gerecht werden.

Dazu braucht man viel Einfühlungsvermögen und statt eines autoritären, einen sozialintegrativen Führungsstil. Reisegäste, deren Bildungsniveau auf einer Bildungs- oder Studienreise wesentlich breiter gefächert ist als noch vor  wenigen Jahren, wollen weniger von einem „Dozenten“ sondern eher von einem „Freund und Partner auf Reisen“ geführt werden, 

der als interkultureller Mediator auftritt. 

In der Regel betreut ein qualifizierter StRL die Gruppe während der gesamten Reise und bei allen Besichtigungen. Es gehört zu seinen Kernaufgaben,
sämtliche Führungen selbst zu übernehmen und über den Reiseverlauf einen
thematischen „roten Faden“ zu spannen. Falls einheimische Gästeführer hinzugezogen werden, wird er ggfls dolmetschen und deren Erläuterungen ergänzen. Das erfordert eine sehr umfangreiche und genaue Vorbereitung der
Reise und meist auch eine abschließende Nachbereitung.



Wie wird man nun Studienreiseleiter? Die Zugänge zu diesem Beruf sind so vielfältig wie die Personen, die dieser Tätigkeit nachgehen. Das macht eine genaue Definition schwierig.
 Für eine Mitgliedschaft im Verband der Studienreiseleiter e.V. gelten
 folgende Kriterien:


Ein StRL ist eine Person, die eine moderne Bildungs- oder Studienreise von Anfang bis Ende leitet und durchführt. 
Dies bedeutet, verantwortlich zu sein, mittels eines „modernen Reisezugangs“ die für die Studien- und Bildungsreise beschriebenen Inhalte angemessen und kompetent zu vermitteln. Der StRL ist zudem mit verantwortlich für 
den reibungslosen und „kataloggemäßen“ Ablauf der Reise.


In der Regel haben Mitglieder unseres Verbandes einen akademischen Hintergrund und haben sich durch gezielte Zertifizierungen qualifiziert. 
Je nach Reiseart und Unternehmensprofil ( z.B. Wandern, Kultur, Erlebnis)
 haben sie unterschiedliche Schwerpunkte in der Ausbildung gelegt und sich 
häufig auf bestimmte Destinationen besonders spezialisiert.
 Zudem besitzen sie bereits mehrjährige Berufserfahrung als Reiseleiter,
 sprechen Deutsch als Muttersprache oder beherrschen die deutsche Sprache perfekt, verfügen über eine sehr gute Allgemeinbildung, Fremdsprachenkenntnisse des Zielgebiets, ausgeprägte Organisationsfähigkeiten und hohe zeitliche Flexibilität. 

Erwartet wird von einem Mitglied Verantwortungsbewusstsein, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen, Flexibilität, Fähigkeit zur Stressbewältigung, rhetorische und animative Fähigkeiten, hohes Service- und Dienstleistungsbewusstsein, ein gepflegtes Erscheinungsbild, eine hohe soziale Kompetenz, Einfühlungsvermögen und Begeisterungsfähigkeit.
 Die meisten Kolleginnen und Kollegen im Verband besuchen jährlich mehrere Weiterbildungsveranstaltungen zu den verschiedensten Themen.

 Diese Qualitätsmerkmale unterscheiden uns von Reisebegleitern, Standortreiseleitern oder Teamern. 
Veranstalter und Partner, die Kolleginnen und Kollegen aus dem Verband der Studienreiseleiter e.V. anwerben oder solche beschäftigen, können sich auf eine klare Vorstellung des Bewerbers vom Berufsbild des StRL, den gestellten Anforderungen und beschriebenen Kernkompetenzen verlassen. Dies ist definitiv unser Alleinstellungsmerkmal in Zeiten, in denen gut qualifizierte Reiseleiter nur schwer zu finden sind, wie wir immer wieder von Veranstaltern und Agenturen hören.



Die Zahl der im Haupt- und/oder Nebenberuf tätigen Studienreiseleiter in Deutschland wird auf rund 1000 geschätzt. Der Verband der Studienreiseleiter e.V., in dem derzeit rund 10% davon organisiert sind, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den „Dienstleistungs- und Lehrberuf Studienreiseleitung“ zu etablieren. Bei Reiseunternehmen, in der Touristikwirtschaft, der Bundesregierung, dem Bundesinstitut für Berufsbildung, der Projektgruppe Reiseleiter des Bundesverbandes der deutschen Tourismuswirtschaft, sowie bei allen reisenden und nicht-reisenden Mitbürgern soll unserem Beruf die „gebührende Anerkennung verschafft werden“, 
wie es die Kollegin Almut Nonnenmann in ihrer bemerkenswerten Untersuchung „Faszination Studienreiseleitung“ – eine kultur und sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Tätigkeit von Studienreiseleitern,
 erschienen 2004 im BoD-Verlag Norderstedt, formuliert hat.

 Allen, die sich mit dem Berufsbild Studienreiseleiter beschäftigen und Zugang zu dieser interessanten, nie langweilig werdenden und faszinierendenTätigkeit suchen, kann ich zur Einstiegslektüre diese Untersuchung nur wärmstens empfehlen.




 

Harald Jung, 
Vorstand im Verband der Studienreiseleiter e.V.